Auszug (Übersetzung Antje Ràvic Strubel)

Erst nachdem ich mehrere Jahre lang im Norden Australiens gelebt hatte, fing ich an, einige der gut verborgenen Kräfte zu erkennen, die mich dorthin gebracht hatten; und als mein Denken einmal diesen Weg eingeschlagen hatte, bestätigte fast jeder Tag, den ich in Darwin verbrachte, die Idee in mir, dass wir während unseres gesamten Lebens lediglich Wege nachzeichnen, die einen tiefen, unterschwelligen Einfluss haben, und unsere Gedanken und Gefühle wenig mehr sind als der Ausdruck unklarer, widersprüchlicher, schlecht beschriebener Gleichungen aus der Vergangenheit.

Als ich mich entschied, nach Darwin zu ziehen, in eine Stadt, die ich schon immer unwiderstehlich reizvoll fand, sowohl wegen ihrer Schönheit als auch wegen ihrer Zurückgezogenheit vom gewöhnlichen Alltag, fühlte es sich an wie eine Entscheidung, die im Sonnenschein der Logik getroffen wurde. Die Wüste und die nördlichen Tropen waren von Darwin aus am besten zu erreichen; die Stadt konnte mir als natürlicher Ausgangspunkt dienen; ihr Charme lag in meinen Augen in ihrer Nähe zu anderen Dingen.

Langsam jedoch, als die Jahreszeiten immer wiederkehrten und die verschiedenen Landschaften der Stadt für mich deutlicher wurden, war ich plötzlich von bestimmten Anblicken, Gerüchen oder Geräuschen berührt. Unerwartet und schockierend drangen sie in mich ein, als würde ich mich an sie aus langer Vorzeit erinnern und mit jeder dieser kurzen Offenbarungen ging ein bestimmter geistiger Zustand einher.

Ich erinnere mich an einen Nachmittag in den Wochen vor der Regenzeit, wenn es scheint, dass aus den schweren Wolken herab die Feuchtigkeit auf die eigene
Haut drückt: ich stand auf dem Felsen an der Spitze des East Point Park. Dorthin war ich gegangen auf der vergeblichen Suche nach einem Lüftchen, nach Bewegung, nach einem Hauch in der stickigen Luft. Es war der Moment der Reglosigkeit innerhalb der Gezeiten; das Wasser vor mir im Hafen war blei-verfärbt und still wie Glas – und als ich hineinsah, kräuselte es sich auf einmal heftig. Nah vor mir durchbrach ein Delphin die Oberfläche, nah genug, dass ich ihn hätte berühren können, seine Flanken glänzten, wie ein Ausrufezeichen, ein Versprechen im Innern der Hitze und Stille.

Ich erinnere mich an diesen Moment, als würde er gerade jetzt vor mir entstehen; genauso wie das Gefühl von Gleichmut und Gelassenheit mit absoluter Genauigkeit wiederkehrt, das ich an einem Abend, zur Dämmerung spürte, als ich zwischen dem hochstehenden Gras und den Pandanus Bäumen am Dick Ward Drive von der Stadt in Richtung Nightcliff fuhr. Die Sonne tauchte am Horizont unter und warf dabei einen Wald aus Schatten auf die entgegenkommende Schlange von Autos, während an der entfernten Seite des Flughafens, hinter dem Tower, schimmernd, blutrot im Rauch der Buschbrände die riesige Scheibe des Vollmondes begann aufzusteigen.

Und ich kann mich selber sehen, genau wie ich damals in der Dunkelheit einer heißen Nacht Mitte Dezember voller Angst und Freude erwachte, als die Sturmwolken über der Stadt endlich aufbrachen, so wie sie jedes Jahr aufbrechen; der Donner dröhnt, die Luft erschauert wie die Haut eines verletzten Tieres, der Klang hallt nach und rollt weg.

Kurz nachdem ich mein Leben im Norden begonnen hatte, wurde mir klar, dass es in Darwin bestimmte Gegenden gab, die mit einer besonderen Dringlichkeit zu mir sprachen. Ich verbrachte viele Wochen damit, die alten Kais und Bootsschuppen zu erkunden und die Mangrovenküsten, wo verfallene Fundamente von Speicherstätten oder Verteidigungsposten aus Kriegszeiten vor sich hin rotteten. Ein Großteil des Stadtzentrums war damals von halbindustriellen Einöden gesäumt: man konnte hier immer noch durch eine Wüste streifen voller Betonblöcke, von wildem Wein überzogenen, halb verrosteten Drahtzäunen und verbogenen Platten aus uraltem Wellblech.

Am stärksten wurde ich allerdings von den Geschützstellungen am East Point angezogen, die eine Art melancholische Erhabenheit besitzen. Wie abstrakte Skulpturen stehen sie da, mit Blick aufs Meer, ihrer ursprünglichen Waffen entleert, die man ohnehin nicht rechtzeitig zur Verteidigung Darwins installiert hatte, als die Stadt im Jahr 1942 von den Japanern bombardiert wurde. Hohe Bäume und Enklaven von tropischem Regenwald umgeben einen dieser Gefechtstürme, hüllen ihn in ein belebtes Licht, in dem beinahe alles möglich scheint – und hier, eines nachmittags wanderten meine Gedanken zu Erinnerungen meiner Kindheit, als mein Vater, der schon lange tot ist, mir sehr bruchstückhaft Geschichten über seine Tage als junger Mann in Darwin erzählte.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges war er als Kriegskorrespondent in den Norden geschickt worden und flog bei vielen Luftangriffen mit – in den Langstreckenbombern, die von den Startbahnen entlang des Stuart Highway aufstiegen. Während dieser Einsätze, von denen manche bis zu vierundzwanzig Stunden dauerten, sog er jeden Eindruck aus seiner Umgebung auf, jeden Gesprächsfetzen der Besatzung und notierte sie. Ich habe seine akribischen Erfahrungsberichte gelesen, die in der Melbourner Zeitung „Age“ veröffentlicht wurden: den zeitgenössischen Lesern müssen sie wie kleine Juwelen der Gelassenheit und Ausgewogenheit vorgekommen sein und es würde mir vollkommen unmöglich sein, heute in dieser abgeklärten und sachlichen Weise über Krieg und Gefahr zu schreiben.

Erst jetzt bin ich in der Lage zu sehen, wie sehr die Zeit im tropischen Norden Australiens meinen Vater berührte und wie tief die Spuren waren, die diese Tage in seinem Denken hinterlassen hatten. Sein auffälliges Interesse an Salzwasserkrokodilen und den tödlichsten Varianten der Meeresqualle Box Jellyfish, seine enthusiastischen Studien neuer Trends in tropischer Architektur, selbst seine heftige Art, mich über den alten Flugplatz in Darwin zu verhören, wenn ich als Kind nach einem Langstreckenflug aus Europa in Sydney landete – alle diese Dinge erscheinen mir jetzt in einem neuen Licht, ebenso wie seine fast zwanghafte Faszination für die, den Norden darstellenden Gemälde von Ian Fairweathers, und für die Fotografien von Russell Drysdale.

Wenn ich in jenem Teil des Regenwaldes spazieren gehe, der in der Nähe der Gefechtstürme liegt, die er selbst als Hintergrund für ein Paar jugendliche Kurzgeschichten wählte, fühle ich oft einen Widerhall seiner Anwesenheit, auch wenn dieser Gedanke, oberflächlich betrachtet, absurd erscheint. Und ich muss an eine Szene denken, die ich schon immer unerträglich ergreifend fand, eine Szene aus Albert Camus’ unvollendetem Roman „Der erste Mensch“, den man nach dem tödlichen Unfall in der persönlichen Habe des Autors entdeckte. Der Erzähler stattet dem Grab seines Vaters einen Besuch ab, und ihm wird klar, dass er selbst mittlerweile alt genug ist, um der Vater des Toten sein zu können; eine schwindelerregende Umkehrung von Zeit und Rollenverteilung. Und in dieser grünen Höhle aus diffusem Licht neben dem Gefechtsturm erreichen meine eigenen Beschützergefühle gegenüber dem Toten neue Höhen, ich stelle mir vor, dass der Verlorene für einen Moment zu uns zurück kommen und uns sanft an der Schulter berühren könnte; ich spüre, wie nirgendwo sonst, die Dichte und die Tiefe von Zeit.