Er war auf dem Weg hierher. Ich vermute, er war wie alle auf der Suche nach Erlösung. Es muss eine sehr gute Zeit im Jahr gewesen sein: er konnte die leeren Flüsse sehen, die sich zum See hinunterschlängelten, und er hoffte, irgendwo auf dessen Grund könnte es Wasser geben – er suchte und suchte, aber er fand nur das, was du hier siehst.“

Um uns herum gab es nur roten Sand und ausgeblichenes Spinifex-Gras. An einem höher gelegenen Felsvorsprung standen alte knorrige Wüsteneichen, daran hingen ihre windverwehten Blätter. Rauch von Buschfeuern stieg auf und breitete sich über den Horizont, die Sonne war drückend. Vor uns glitzerte die weiße, Oberfläche des Sees; zu prächtig, um hinzuschauen; sie fing den Glast ein und verstärkte ihn. Am gegenüberliegenden Ufer, wo die rote Linie der Dünen mit der Ferne verschmolz, verkochten Luftspiegelungen – gewaltig, mit beunruhigenden Ähnlichkeiten zu Schiffen oder bröckelnden, verfallenen Schlössern. Dieses Bild enthielt Stille und Qual; eine Mischung, wie sie den fernen Wüsten eigen ist. Auch das Getriebensein; dieser Drang hinzuschauen. Komm, schien die Landschaft zu sagen; komm – komm näher; lös dich auf, lass die Welt entgleiten und verschwinden. Ich zwang mich wegzusehen. Ich schützte meine Augen.

„Aber er hat irgendwas gespürt“, sagte ich, „oder nicht? Irgendwas Reales; eine Stimmung, einen Ton.“

„Es ist einfach nur Landschaft, wie überall“, sagte Charlie.

„Das ist nicht was die Aborigines darüber gedacht haben. Sie konnten etwas fühlen, hier. Sie fürchteten sich davor; es machte sie traurig, es quälte sie, – wenn du es wirklich wissen willst – dieses ganze Gebiet von trockenen Seen und toten Flussläufen. Sie haben es um jeden Preis gemieden, sie dachten, es gebe hier böse Geister und furchtbare Wasserschlangen unter der Salzoberfläche.“

„Wer hat dir denn das erzählt?“ fragte Charlie.

Ich ging darüber hinweg und fing stattdessen an, ihm die Geschichte von Helmut Petri zu erzählen, dem deutschen Anthropologen, der seinen größten Durchbruch im entfernten Australien erlebt hatte, auch wenn sein Name in diesem Land heute zum großen Teil vergessen ist. Petri, ein begnadeter Linguist, erreichte den entlegenen Nordwesten im Jahr 1938, er war der Kopf einer Expedition zur Felsmalerei, die vom Frobenius Institut entsandt worden war. Es gelang ihm, eine einzelne, volle Jahreszeit für seine Feldforschung zu nutzen, dabei reiste er von Broome nach Munja und über die Kimberley Bergkette, bevor er im folgenden Mai nach Frankfurt zurückkehrte. Nur drei Monate später brach an der polnischen Front der Krieg aus. Erst nachdem er sechs Jahre Armeedienst über sich hatte ergehen lassen, konnte Petri seine wissenschaftliche Tätigkeit wieder aufnehmen, doch sein Forschungsmaterial war großenteils zerstört. Das Frobenius Institut war von Bombenangriffen ausgelöscht worden, und als Petri endlich sein düsteres ethnografisches Meisterwerk „Die sterbende in Welt Westaustralien“ veröffentlichen konnte, betrachtete er es nur noch als beschädigten Torso dessen, was er eigentlich gehofft hatte zu schreiben.

Es ist im Grunde ein Stück Literatur durchtränkt mit Petris Erfahrungen des Krieges und Europas Schicksal. Es erkennt in der Weltsicht der Kimberley Aborigines einen Ton tiefsten Pessimismus, gemeinsam mit der Überzeugung, dass das Ende der Welt naht und auch sicher eintreffen wird, wenn ihre deshalb eingeführten, neuen Rituale nicht vollständig erhalten werden. Petri entwickelte ein eifriges Interesse an diesen Kulten, die er während ihrer ersten verheerenden Ausbreitung in Richtung Norden gesehen hatte. Kimberley Leute kannten sie unter dem typischen Namen warmala – das war der Ort ihrer Herkunft, warmala, geheimnisvolles Land, weit weg. Das Wort hatte Macht, ein Wort, das man voller Angst aussprach- und Petri fand schnell heraus, das es seine furchterregenden Assoziationen nur weit im Norden besaß. Unter den Küstenvölkern in der Mission Lagrange, die er in den fünfziger Jahren bei seiner Rückkehr nach Australien als Ausgangspunkt wählte, war das Wort einfach eine Richtungsanzeige, die in die Wüste wies, jenseits ihrer Reichweite. In den Sprachen der westlichen Wüste beschreibt warmala allerdings die Rachefeste von marodierenden Kriegern, auf ihrem Marsch durch das Land, bewaffnet mit Speeren – und diese Geister-Wesen, die zwischen den Bereichen von Mythos und Tatsache schweben, nehmen häufig die Gestalt von jungen Wüsteneichen an – Bäume, die mit ihren zarten Ästen und Ranken und dem flechtengleichen Blattwerk tatsächlich unter bestimmter Lichteinwirkung eine deutliche Ähnlichkeit mit der menschlichen Gestalt haben. In der ganzen westlichen Wüste waren die warmala Feste gefürchtet; und noch immer geht man ein Risiko ein, tritt man in einen Baumbestand von Wüsteneichen, so wie die Alleen nahe am Docker Fluss, oder das Tal, in dem sich mehrere Reihen von warmala Bäumen in der Nähe des Patjarr Wasserlochs vereinigen. Darüber hinaus halten die warmala schon aufgrund ihrer puren Präsenz die Landschaft eingeschlossen, sie geben ihr eine Schwere und eine Unruhe, die in die religiöse Tradition der Wüste eingesickert ist – und diese Spannung war es, die Petri aufgespürt hatte und die in seinem Denken einen Widerhall fand, zerrissen, wie es war, aufgrund seiner Erinnerungen an den Krieg und seines Gefühls, dass die Zivilisation nicht überdauern würde.

Für den Rest seines Lebens hielt er die Verbindung zu Lagrange und Beagle Bay; er verfasste komplexe ethnografische Studien von seltsam prophetischer Kraft, als hätte sich die Fähigkeit des Vorhersagens, wie sie die australischen Magier besaßen, die er studiert hatte, irgendwie in sein Herz geschlichen. Er starb 1986 in Köln, seiner Heimatstadt, die von Bombenangriffen dem Erdboden so gut wie gleich gemacht und wieder neu aufgebaut worden war. Aber die Rituale, denen er sein ganzes Leben gegeben hatte, waren versunken: die Dunkelheit, die von der Wüstenlandschaft nordwärts getragen wurde, lebt jetzt nur noch in seinen Worten weiter.