Nicolas Rothwell liest in der Villa Quandt (11.09.10)

Herr Rothwell, wie kommt ein Journalist und Schriftsteller wie Sie, der in Australien lebt und von dem noch kein Buch ins Deutsche übersetzt wurde, ausgerechnet zu einer Lesung in Potsdam?

Bei meiner Lesung am Sonntag werde ich „The Red Highway? vorstellen. Darin geht es um Schicksal und Vergänglichkeit, zwei sehr europäische Begriffe, eingebettet in die australische Landschaft. In diesem Buch geht es aber auch um das Wirken einer Reihe von Deutschen, die in Australien gelebt haben. Am bekanntesten ist da vielleicht noch der Anthropologe Helmut Petri, der in den 1930er Jahren eine Expedition des Frobenius-Institutes aus Frankfurt am Main nach Australien geleitet hat. „The Red Highway? ist ein Buch mit vielen deutschen Bezügen. Es gehört zur unbekannten Geschichte Australiens, dass der Kontinent im Großen und Ganzen von deutschen Pionieren und Forschern entdeckt wurde.

Aber der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt doch auf dem Leben der australischen Ureinwohner, der Aborigines?

Die Aborigines-Kultur Australiens ist zwar eine Welt, der ich sehr nahe bin, mit der ich gewissermaßen verheiratet bin. Aber es ist nicht mein literarisches Hauptthema. Ich schreibe keine provinzielle Literatur, sondern Bücher, die sich an die ganze Welt richten, hoffe ich.

Trotzdem gibt es keine deutschen Übersetzungen. Woran liegt das?

Ich kümmere mich nicht so sehr um die geschäftliche Seite meiner Bücher. Ich kenne keinen deutschen Verleger, der von meinen Büchern jemals gehört hat. Ich glaube, es sind trotzdem sehr europäische Bücher. Aber die deutschen Verleger verlassen sich offenbar darauf, was sie von ihren Kollegen in Amerika und England hören, die die großen Märkte kennen.

Warum glauben Sie, dass Ihre Bücher ausgerechnet europäische Bücher sein sollen?

Das ist eine Frage meiner Herangehensweise. Denn die ist bei mir eher europäisch als dezidiert australisch oder englischsprachig. Das hat mit meinem familiären Hintergrund zu tun, der gar nicht weit von Potsdam entfernt liegt.

Von Potsdam? Sie sind doch in New York geboren.

Aber ich bin in Prag aufgewachsen. Die Tradition der Sage, der kurzen Romane, der Erzählungen der Romantik, wie zum Beispiel von Novalis, ist mir dadurch nahe. Ich glaube, diese Art des Schreibens passt sehr gut zu Australien. Ich weiß nicht, ob Sie jemals in Australien gewesen sind, aber das ist ein absolut außergewöhnlicher Ort. Die literarische Tradition dort ist noch sehr jung. Es bietet sich also für die westliche Kultur die ungewöhnliche Chance, sich mit dieser seltsamen Landschaft zu verbinden, mit der Tradition der Aborigines in Kontakt zu treten, sich auszutauschen, sich davon inspirieren und beeinflussen zu lassen.

Sie sind kein gebürtiger Australier, haben dadurch eine andere, vielleicht distanziertere Sicht auf dieses Land. Ist es Ihnen dadurch leichter gefallen, sich mit der Geschichte der Aborigines zu beschäftigen?

Das ist wahr. Aber ich bin halb-australisch, mein Vater war Australier. Ich habe mich Australien also schon immer sehr eng verbunden gefühlt. Die australische Landschaft hat mich sehr geformt, beeinflusst, ich fühle mich ihr tief verbunden. Andererseits haben Sie natürlich Recht: Ich bin kein typischer Australier, meine Eltern lebten in Übersee. Trotzdem bestimmt die Geschichte der Aborigines mein Leben. Denn ich wohne im Northern Territory und das ist gewissermaßen Aborigines-Land, es ist der einzige Teil Australiens mit einer sehr großen Aborigines-Bevölkerung. In allen anderen Teilen des Landes sind die Ureinwohner entweder unterdrückt und ermordet worden oder an Krankheiten gestorben. Der Norden ist eine Gegend, wo die Aborigines-Welt überall sichtbar und immer noch sehr stark ist.

Warum dieses Interesse ausgerechnet für die Aborigines-Welt?

Gute Frage. Als ich ein kleiner Junge war, hat sich mein Vater sehr für diese Welt interessiert. Er hat mich in dieser Offenheit für andere erzogen. Ich habe später dann sehr lange als Auslandskorrespondent gearbeitet. Dafür muss man sich in andere Gesellschaften hineindenken können, nachvollziehen, wie sie die Welt sehen. Nach den Bürgerkriegen in Jugoslawien bin ich dann nach Australien zurückgekehrt. Ich fühlte mich wie ausgebrannt, es war, als würde der Krieg in Jugoslawien für mich niemals enden. Das war auch gefährlich für mich als Journalist, also bin ich zurückgegangen.

Zur Ruhe sind Sie aber nicht gekommen?

Nein, damals fing ich an, sehr viele Reisen in die Aborigines-Welt des Nordens zu unternehmen. Ich fühlte mich zu den Aborigines und dieser traditionellen Gesellschaft sehr hingezogen. In den letzten Jahren ist das zum Thema meines Lebens geworden. Ich möchte der Aborigines-Welt gleichzeitig auch etwas zurückgeben, aber das ist mir bis jetzt nicht gelungen. Ich erfahre von dieser Welt viel Glück, Segen, aber auch Traurigkeit.

Schreiben Sie vielleicht auch gegen das Australien-Klischee vom Hochglanzreisetraumland an?

Die Geschichte der Aborigines ist die Geschichte aller Australier. Auch wenn das niemand so deutlich ausspricht. Aber man kann die Aborigines-Kultur nicht verschwinden lassen und vergessen. Es ist etwas, das immer da ist, wie eine Spannung in der Luft. Man stellt sich Australien oft als ein unschuldiges Land vor, aber das Gegenteil ist der Fall: Das Land hat eine furchtbare Last zu tragen und diese Bürde ist jeden Tag spürbar. Rassen-Konflikte gehören bis heute zum Alltag auf den Straßen.

Haben Sie in der Aborigines-Welt eine Art neue Heimat gefunden?

Das ist ein interessanter Punkt. Ich werde nie zur Welt der Aborigines gehören, selbst wenn ich deren Sprache spreche und verstehe. Ich kann kein Ureinwohner werden, ich kann mich der Kultur und Religion der Aborigines nicht mit naiven Augen anschließen. Trotzdem habe ich mich in der Aborigines-Welt immer sehr willkommen gefühlt und das gilt nicht nur für mich, sondern für viele, die dieser Welt nahe gekommen sind. Ich finde das bemerkenswert. Die Aborigines hatten, ohne es zu wissen oder zu ahnen, einen großen Einfluss auf die Entwicklung Australiens. Ich meine damit die Kraft der Landschaft. Was die Aborigines sind, das sind sie durch die außergewöhnliche Kraft und Intensität und Schönheit der australischen Landschaft geworden. Sie ist so intensiv, dass es hier keine Häuser oder Gebäude braucht, die Landschaft hat ihre eigene Architektur.

Das Gespräch führte Dirk Becker.